• Maria

Die beruhigende Wirkung

AD(H)S und das problembehaftete Thema der medikamentösen Therapie*


Bevor ich über das umstrittene Thema zu schreiben beginne, möchte ich alle LeserInnen bitten zu berücksichtigen, dass ich diesem Themengebiet der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung zunächst sehr kritisch gegenüber stand und unfassbar viele Bedenken hatte. Dies soll kein Pro und kein Contra Bericht sein. Es ist ein Bericht, über die Erfahrungen die wir machten unter Berücksichtigung dessen, das wir von einem ausgesprochen kompetenten und gleichzeitig achtsamen Kinder- und Jugendlichen Psychiater begleitet werden. Auch reichten andere Maßnahmen irgendwann nicht mehr aus. Gleichermaßen hatte ich das typisch laienhafte Wissen über Ritalin und AD(H)S, wie man es eben hat, wenn es nicht in der eigenen Betroffenheit begründet liegt oder der berufliche Kontext dies erfordert. Inzwischen ist beides eingetreten, ich bin sowohl als Mutter eines Kindes mit einem ADHS, als auch in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen davon betroffen. Immer wieder stoße ich hier auf Vorurteile und gesellschaftliches Schubladendenken, gleichwohl wir als Eltern auch einen ähnlichen Standpunkt vertreten haben:


"Drogen für Kinder? Tabletten, um ein Kind ruhig zu stellen? Das machen doch nur Eltern, die nicht erziehen können."


Wir alle denken in Schubladen, öffnen und stopfen sie voll, schieben sie zu und geben jeder dieser Schubladen einen Namen. Das ist menschlich und normal. Wir stecken gemachte Erfahrungen in Schubladen. Es hilft uns, uns selbst zu schützen und nicht jede Information die wir erhalten sofort zu verarbeiten. Wie sehen und bewerten, jeden Tag!

Trifft es jedoch Menschen und deren Schicksale, sollten wir einen Schritt zurück treten, um Verurteilungen und Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen. Was hilft ist echtes Interesse und Verständnis, für die Lebenssituation einer Familie die ein Kind mit ADHS großzieht. Um wieder den roten Faden meines Anliegens hier aufzunehmen, möchte ich von unseren Erfahrungen mit der beruhigenden Wirkung berichten. Dies ist unsere ganz eigene Erfahrung, mit Sicherheit gibt es noch ein Duzend anderer Familien, die einen ähnlichen Weg gegangen sind, als sie nach der Diagnostik damit konfrontiert wurden, wie mögliche Therapiemöglichkeiten aussehen könnten.


Solange Eltern vorgehalten wird, sie hätten mit der Erziehung Ihres Kindes versagt, bleibt das Thema der medikamentösen Behandlung unbequem und inakzeptabel.


Uns wurden verschiedene Wege der Therapie erörtert und ganz am Ende des Gesprächs, erklärte man uns empathisch und sehr behutsam, das auch die Vergabe eines Medikamentes die Therapie unseres Kindes ergänze könnte. Wir mussten nicht lange überlegen, ob und wie wir unser Kind unterstützen wollten, aus dem Teufelskreis des negativen Selbstbildes sowie den beständigen und negativen Rückmeldungen der Umwelt wieder heraus zu finden. Wir sind Eltern.

Nachdem anderweitiger Support, wie z.B. Ergotherapie, die das Kind unterstützen soll, in alltäglichen Situationen zurecht zu kommen oder der Besuch bei einem Pädaudiologen die Annahme, es könnte eine Gleichgewichtsstörung vorliegen, nicht die gewünschte Förderung und Unterstützung für unser Kind brachten, war die Stimulanzientherapie beim Kinder- und Jugendlichen Psychiater die einzig richtige Entscheidung. Aufgrund der hohen psychosozialen Belastung und der Auffälligkeiten unseres Kindes, die bereits vor dem sechsten Lebensjahr und in vielen verschiedenen Bereichen des Alltags auftraten, nahmen wir die medikamentöse Behandlung anfänglich nicht ganz bedenkenlos an. Aber wir vertrauten einander auf unsere Entscheidung, auf den Rat des Arztes und dessen Team.


Denn offen gestanden, gab es keinen anderen Ausweg mehr.


Die Situation belastete nicht nur die Eltern-Kind Beziehung sondern auch die Paarbeziehung. Ständig machten wir uns gegenseitig Vorwürfe und Vorhaltungen, wer denn nun eigentlich die Schuld trage. Nichts war mehr möglich als Familie, ebenso wie unser Kind eine Außenseiterrolle einnahm, taten wir es unserem Kind gleich und isolierten uns. Manche Menschen machten uns zu Außenseitern und gaben uns unvermittelt zu verstehen, nicht nur mit uns, sondern auch mit dem Kind überfordert und abgeneigt zu sein.

Aber, zurück zur Basis.

Nach drei Terminen bei unserem Kinder- und Jugendlichen Psychiater, beantwortet er jede noch so kleine Frage, begleitete uns und unser Kind die erste Zeit sehr engmaschig. Manchmal erhielten wir sogar nach 18 Uhr noch einen Anruf: "Wie geht es ihrem Kind?" Das war sehr wichtig, da wir anfangs selbstverständlich unsicher und manchmal auch ängstlich waren. Ob die Entscheidung richtig war, haben wir nie angezweifelt, denn als unser Kind die ersten Mal frohen Mutes und ausgelassen, ganz ohne Hibbeligkeit und dem steten Chaos im Kopf nach Hause kam, die Lehrerin anrief und uns mitteilte, wie die ersten Schultage verlaufen und irgendwann auch erste nette Kontakte in der Klasse entstanden waren, atmeten wir das erste Mal seit einer ganzen Weile auf. Die beruhigende Wirkung bewegte unser System und alles musste sich neu ordnen. Eine besondere Zeit, die wir mit unserem Kind, aber auch als Familie ganz neu erlebten.

Die erste Zeit in der Schule war letztendlich schlimm. Für uns alle, vor allem aber für das Kind. Mutlos und überfordert von der starken Belastung aus, Impulse zu unterdrücken, auf den Unterricht und das Drumherum zu konzentrieren, freundlich und immer sozial zu sein, aufzupassen und zuzuhören, waren schlicht und ergreifend zu viel für unser Kind.


Psychisch und physisch stand das Kind unter Dauerstress.


Zuhause entlud sich dann der krampfhafte Versuch unseres Kindes, zu funktionieren und sich auf alles zu konzentrieren. Das Filtersystem eines ADHSlers, ist wie das eines kaputten Kaffeefilters: Der ganze Kaffeesatz sickert durch, ungefiltert. Obwohl die Sinne von ADHSlern ausgesprochen gut funktionieren, sind sie schneller überreizt und empfindsamer. Alles empfinden sie intensiver. Auch den längst hinter sich gelassenen Schultat, was die psychische und physische Erschöpfung erklärt. Traurig und für uns besorgniserregend, waren die sozial-emotionalen Folgen, also die Ablehnung und der tägliche, mehrfache Tadel in der Schule und Zuhause.

Gegen die allgemein gültige Meinung, das Metyhlphenidat (Wirkstoff) abhängig mache, neigen allerdings Jugendliche und Erwachsene mit unbehandeltem AD(H)S eher zu einem Substanzmissbrauch, als diejenigen deren ADHS frühzeitig behandelt wird. Sie haben öfter Beziehungs-, Schul- und Berufsprobleme, als gleichaltrige "gesunde" Jugendliche und Erwachsene.

Die Wirkung des Medikaments lässt nach, sobald der Wirkstoff den Blutkreislauf verlassen hat, das heißt die Ritalin Wirkung klingt wieder ab und alle Symptome kehren zurück: Impulsivität und Selbstregulation, Probleme mit der Aufmerksamkeit und Hyperaktivität. ADHS ist demnach nicht heilbar und weg zu therapieren. ADHS bleibt, ein Leben lang. Ob mit oder ohne Medikament.

Die Medizin unterstützt das Kind und hilft den Symptomen entgegen zu wirken, damit das Kind Impulse kontrollieren und eine größere Konzentrationsfähigkeit hat. Die Konzentrationsfähigkeit betrifft viele Bereiche des Alltags. Sie können dem Unterrichtsgeschehen folgen, sich auf ein soziales Miteinander einlassen, Regeln sowie Absprachen akzeptieren und einhalten und sind insgesamt mehr "bei sich". Vielleicht kann man auch sagen, sie sind geerdeter und ruhen mehr in sich selbst. Das innere Chaos lässt nach und es erschließen sich Wege und Lösungen für das Kind, um jenem inneren Chaos zu trotzen.


Ich erinnere mich rückblickend an ein Telefonat mit meinem Bruder, der mich nachdem ich ihm alles erzählt hatte, fragte: "Und, ihr wollt das also wirklich machen?" Seine Zweifel und Sorgen klingen mir heute noch in den Ohren. Damals habe ich auch gezweifelt und war voller Sorge.

Ja, wir haben das alles gemacht, viel aushalten und einstecken müssen, geredet und erklärt, Tränen getrocknet (nicht nur die Eigenen, auch die unserer Freunde und der Großeltern und die des Kindes natürlich), hatten schlaflose Nächte und anstrengende Tage, und sind inzwischen wieder eine fast normale Familie.


*Ein weiterer Bericht, über die nicht außer acht zu lassenden Nebenwirkungen, wird alsbald folgen.


Alles Liebe,

Maria.




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