• Maria

"Du hast mich ausgelacht!"

Wahrnehmungsstarke Kinder fühlen sich schneller verhöhnt...




Es gibt viele Alltagsmomente über die ich hier schreiben könnte, die das Gefühl der Kränkung beschreiben. Eine von vielen Situation erlebten wir heute, in der das Bauchtier besonders präsent war und massiv beleidigt reagierte. Während wir am Vormittag gemeinsam am Küchentisch saßen, der kleine Rabauke (der kleine Bruder, vier Jahre alt) malte, schnitt Papierschnipsel aus und klebte was das Zeug hielt. Er war ganz in seine Bastelei vertieft, summte mal zu der Musik die wir neben bei hörten und zeigte mir freudestrahlend seine Monster an denen er fummelte.


Auch der große Rabauke saß mit am Tisch. Malte, schaute ab und an auf und ließ seinen Blick aus dem Fenster schweifen, verharrte und widmete sich dann wieder seinem Bild.

Abrupt brach dem Buntstift die Mienenspitze ab. Mein Kind schaute mich an. Ich dachte, inzwischen gelingt es ihm ganz gut, gelassen mit Situationen wie diesen umzugehen.

Dem war leider nicht so. Medikamente erleichtern vieles. Das Bauchtier verschwindet jedoch dadurch nicht, es bleibt. Ein Leben lang. Das wissen wir. Und doch vergesse ich es in Momenten wie diesen.


Kleinigkeiten führen ohne Überleitung zur Situationsänderung.


Das Bauchtier wurde so wütend. Ich bin immer wieder erschrocken, welch unbändige Wut dann aus meinem Kind bricht. Ja, du liest richtig. Es geht immer noch um die abgebrochene Minenspitze. Es sind Belanglosigkeiten, die dazu führen, das sich die Gegebenheiten von jetzt auf gleich ändern können. Auch daran erkennen wir die emotionale Unreife, die altersunangemessene Verhaltensweise des Bauchtiers. 30% der Kinder, einer Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörung sind davon betroffen.


Es fließen Tränen, das Kind weint bitterlich. Es ist ein überempfindliches Wehklagen. Beruhigendes Zusprechen ist in jenem Augenblick meistens zwecklos. Oft befeuert es das Weinen und Klagen. Der kleine Bruder reagiert meistens empathisch- er lächelt seinem großen Bruder aufmunternd zu. Auch dieser Versuch, eine liebevolle Geste, kann das Bauchtier nicht richtig werten. "Hör auf damit! Lach mich nicht aus!" schreit der große Bruder den kleinen Bruder an. Ebendiese intensive Reaktion empfindet mein Kind als vermeintliche Ablehnung und wird auch so wahr genommen. Das Belohnungs- und Verstärkungszentrum des Gehirns wird hormonell gesteuert, bei Kindern mit einer Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung wirkt sich der Dopaminmangel auf eben jenes Zentrum aus. Die Verletzbarkeit wird natürlich auch durch die frühzeitige Ablehnung der Kinder sowie der elterlichen vor allem der mütterlichen Bindung beeinflusst.

Sobald wir Situationen wie diese erleben, halten wir sofort inne. Wir versuchen die Situation mit den beiden Kindern- vorrangig mit dem großen Bruder- zu besprechen.

Mögliche Fragen an dein aufgelöstes und über die Maßen verletztes Kind können zu einem Dialog und dem Erleben von Empathie sein:

"Wie geht es dir?" "Wie fühlst du dich?"

"Was macht dich so wütend?"

"Was möchtest du deinem Bruder sagen?"

"Was können wir für`s nächste Mal zusammen anders machen?"


Natürlich unter der Berücksichtigung des Alters. Wir mit unserem Grundschulkind können Konflikte mit Ruhe und Einfühlungsvermögen oft- nicht immer- lösen und die Wut wieder einfangen. Auch das verletzte Gefühl wird nicht herunter gespielt. Es darf im Raum stehen bleiben und wird besprochen. Ein mühseliger Weg, aber es lohnt sich diesen gemeinsam zu gehen und sich gegenseitig die Zeit dafür einzuräumen. Wir schaffen Nähe und Respekt und geben unserem Kind folgendes mit: "Ich bin für dich da, ich lasse dich mit deinen starken Gefühlen nicht alleine. Du bist nicht anders deswegen. Du empfindest stärker."





Ich wünsche dir für dich und dein Kind alle Kraft,

deine Maria.






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