• Maria

Grenzen

Kinder mit einer AD(H)S kennen ihre eigenen Grenzen und die von ihren Mitmenschen (noch) nicht. Und wir unsere eigenen oftmals ebenso wenig.





Es dauert eine ganze Weile, bis Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass es generelle und eben die eigenen -persönlichen- Grenzen gibt. Sie lernen im Laufe der Zeit, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und dies geschieht im allgemeinen erst mal durch Konflikte zu den Großen. Den Eltern, Großeltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und Geschwistern. In dem die Bedürfnisse und Grenzen beider- also Elternteil und Kind- erst kollidieren, erfahren Kinder erst ihre eigenen Grenzen. Beide können ihre Grenzen zueinander "abstimmen", um in möglichst wenige Konflikte miteinander zu geraten. Dennoch bleiben Grenzen- und somit die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse- nicht gänzlich ohne Konflikterfahrung.


Besonders wahrnehmungsstarke Kinder wollen alles sofort und jetzt. Sie kennen für eine lange Zeit nur ihre eigenen Bedürfnisse und wollen diese sofort gestillt haben. Gleich irgendwann? Ganz schlecht... .

Kommt die Ungeduld dieser liebenswerten Kinder erschwerend hinzu. Das Aufschieben wird um einiges schwieriger und die permanente Grenzüberschreitung nehmen sie nur sehr vage, oftmals gar nicht wahr und reagieren darauf äußerst gefühlsstark. Situationen wie diese, sind sowohl für Kinder als auch für Eltern eine echte Herausforderung und Zerreißprobe.

Auch wir sind viele Male am Tag oder in der Woche mit Konflikten und Grenzüberschreitungen, wie eben jenen beschriebenen, durch das Bauchtier konfrontiert.


Meistens wollen Kinder ja einfach nur mit uns in Kontakt treten: "Mama, spielst du mit mir?"

"Maaaaaamaaaaaaa, spielst du mit mir?" Manchmal vergehen nur zwei Sekunden, bevor ich Zeit habe zu antworten oder mir eine mögliche Antwort überlegen kann. Eine um das Bedürfnis des Kindes, aber auch mein eigenes, nicht ausser acht zu lassen.

Ich überlege. "Maaaaaaammmmmmaaaaaaaaaaaa!"

Meine persönliche Grenze ist an manchen Tagen schneller überschritten, als an anderen Tagen. Denn dann bin ich genervt. Mein Bedürfnis nach Ruhe ist mir wichtig.

Früher waren unsere Eltern der Meinung mit Härte und autoritären Auftreten, Nähe und Respekt zu erhaschen. Die Worte waren kurz und ließen keine Diskussion zu. Ende aus, Mickey Mouse. So war das eben. Getreu dem Motto: Früher war alles besser. Veto! Früher war vieles anders. Anders als heute. Anders muss nicht schlechter sein. Für unsere Eltern war es genau die richtige Entscheidung, die Hand zu erheben oder keinen Widerspruch zu dulden. Sie wussten es nicht besser. Für sie war dies der richtige Weg. Doch inzwischen sind wir dann doch- zum Glück- weiter in unserem Kindheitspädagogischen Wissen.

Die Rückmeldung die ich meinen Kindern heute gebe, als Mutter und Erwachsene, heißen Nähe und Respekt. Ich schenke ihnen eine ich-bezogene Rückmeldung: "Ich bin heute richtig müde und weisst du was, wir können gleich spielen, sobald ich mich ausgeruht habe."

Aber, bitte mit Sahne: Nämlich, wenn ich diese Aussage von Herzen ausspreche, liebevoll, aber konsequent, kehrt auch ein Bauchtier oft gelassener in sein eigenes Spiel zurück. Ohne dramatischer Gefühlsausbrüche und der Aktivierung der niedrigen Toleranz. Manchmal klappt das. Manchmal auch nicht. Dann werden meine Grenzen überschritten. Und manchmal muss ich auch die meines Kindes überschreiten, indem ich zurück melde: "Ich diskutiere nicht mit dir, denn manchmal gibt es Dinge die sind einfach so."


Es kommt also darauf an wie wir etwas sagen und nicht was wir sagen. Die eigene Grenze kann vermittelt werden, das Kind nimmt wahr, das es Grenzen bei anderen gibt und erfährt selbst, dass es Grenzen hat. Keine Ablehnung, sondern eine Grenze. So schaffen wir ein Klima aus liebevoller Konsequenz, Nähe und Respekt.





Um achtsam zu erziehen, sollten wir versuchen achtsam mit unseren Grenzen umgehen. Denn nur wenn wir auf unsere innere Stimme hören, die mir mitteilt: "Pass auf dich auf!" dann sollten wir dieser folgen und sie ernst nehmen. Überschreiten wir die Grenze, kommt es mit aller Wahrscheinlichkeit zu einem Konflikt, einem Streit, einer Diskussion oder wir tappen in die Brüllfalle. Weil wir erschöpft und kraftlos sind.

Wie schaffen wir es vorher auszusteigen?


Es gibt eine kleine Achtsamkeit - Übung, die ich selbst manchmal anwende: Die Fünf- Sinne Achtsamkeit Methode. Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken. Was siehst du? Was hörst du? Was fühlst du gerade? Was riechst und schmeckst du gerade? Du konzentrierst dich nur darauf. Nimmst wahr und hörst.

Manchmal kann es hilfreich sein, sich damit ins Hier und Jetzt zurück zu bringen. Wahrnehmen und in sich hinein spüren, kann eine Chance sein, um bei sich selbst zu bleiben. Und deinem Kind nicht immer Unrecht zu tun. Falls du also merkst, du brauchst einen Ausweg aus einer vermeintlich hilflosen Konfliktsituation, versuche dich auf die Fünf- Sinne Methode zu konzentrieren. Nimm wahr und spüre in dich hinein. Dein Fokus richtet sich nun auf etwas vollkommen Anderes, dein Körper entspannt sich wieder mehr und mehr und vielleicht schaffst du es, ganz aus dem Konflikt mit deinem Kind auszusteigen. Oder du kehrst in anderes Miteinander zu dir und deinem Kind zurück. Du kannst jetzt vielleicht durchatmen und nimmst deine Grenze anders wahr, schaffst es deine Grenze rechtzeitig zu kommunizieren: "Ich merke gerade, dass ich echt sauer werde. Ich gehe jetzt einen Moment vor die Tür und komme gleich wieder zu dir." Also bevor die Grenze überschritten und der übliche "Super- GAU" (hier spreche ich von einem typischen Eltern- Kind Konflikt) entsteht. Du kannst entspannter zu deinem Kind zurückkehren. Egal ob du den Raum verlassen oder dich auf deine Sinne fokussiert hast.


Hat es funktioniert? Falls nicht, klappt es bestimmt beim nächsten Mal. Oder beim übernächsten Mal. Vielleicht ist dies auch keine Methode, die du für dich gut nutzen kannst, dann findest du vielleicht einen anderen Weg. Machmal hilft es schon, wenn wir uns bewusst machen, dass wir heute oder morgen eigentlich total erschöpft sind und wir heute besser keine hohen Ansprüche an uns selbst und eine geringere Erwartungshaltung an unser Kind haben sollten. Egal wie, es wird weiterhin gute und schlecht Tage geben, an denen wir unsere Grenzen mehr oder weniger spüren. Denn das AD(H)S deines Kindes bleibt. Es lässt sich nicht heilen oder verwächst. Das zu wissen, hat mir bspw. sehr geholfen.


Ich wünsche dir eine und noch viel mehr gute Erfahrung (en) mit deinen/ euren Grenzen.

Deine Mary





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